Andere Länder, andere Sitten und auch andere Etikette.
Das kann so weit gehen, dass man in einem Land beim Essen die Schale auf dem Tisch stehen lässt, während man im anderen Land beim Essen die Schüssel vom Tisch hebt. Auch Sitzordnungen während des Meetings können je nach Kultur unterschiedlich sein.
Bei so vielen Unterschieden kann man rasch verunsichert sein, besonders kurz vor einem wichtigen Termin, auf den man sich Wochen oder gar Monate vorbereitet hat und sich eher auf den Inhalt der Gespräche oder die Verhandlungen konzentriert.
Zu beschließen, sich lieber nur „auf das Wesentliche“, etwa den Inhalt der geschäftlichen Gespräche, zu konzentrieren und stattdessen der Etikette keine Beachtung zu schenken, kann jedoch Ihren wichtigen Termin zunichtemachen. Es kann so weit gehen, dass sich keine weiteren Gespräche und Partnerschaften ergeben. Denn unbewusst „lesen“ wir im Umgang miteinander unser Gegenüber und entscheiden so, ob die Person vertrauenswürdig ist oder nicht.
Besonders in östlichen Ländern ist das Vertrauensverhältnis für einen erfolgreichen Geschäftsabschluss oder eine Partnerschaft jeglicher Art oftmals wichtiger als die Daten und das Budget. Um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, ist es wichtig, unserem Gesprächspartner gegenüber respektvoll aufzutreten. Je nachdem, ob wir jemanden vor den Kopf stoßen oder nicht, können wir die Beziehung trennend oder verbindend beeinflussen.
Worum geht es bei der interkulturellen Etikette im Kern?
Jemandes Vertrauen gewinnt man nicht durch das bloße Befolgen von Regeln, sondern durch die Haltung dem Gesprächspartner gegenüber. Das gilt weltweit und in jeder Kultur.
Unsere Haltung ist der Kern der Etikette und der Höflichkeit. Es geht darum, ob man merkt, dass wir unser Gegenüber und seine Werte achten oder missachten.
Verwandeln Sie elegant Ihre Unsicherheit zum Vorteil.
Wenn Sie in eine Situation geraten, in der Sie verunsichert darüber sind, was zu tun ist oder nicht, geben Sie freundlich und souverän zu, dass Sie mit der Etikette des Gastlandes nicht vertraut sind. Fragen Sie interessiert, welches Verhalten in einer konkreten Situation angemessen ist.
Denn durch Ihre achtsame Geste vertrauen Sie sich Ihrem Gegenüber an. Sie zeigen echtes Interesse an der Etikette, der Symbolik und Kultur dahinter. Ganz nebenbei finden Sie gemeinsam einen anregenden Gesprächsstoff auch abseits der Agenda. Das ist ein Vorteil, den Einheimische nicht haben.
Niemand erwartet von Ihnen, dass Sie alle Benimmregeln korrekt befolgen. Es geht darum, dass Ihr Gastgeber merkt, dass Sie sich Gedanken darüber machen, ob Sie den anderen und seine Werte achten oder nicht. Das kann allein dadurch geschehen, dass Sie sich offen erkundigen, ob eine Handhabung in der einen oder anderen Weise adäquat ist.
Noch nie kam mir zu Ohren, dass sich jemand daran gestört hat, dass der Gast fragte, was denn in einem konkreten Fall zu tun wäre.
Im Gegenteil: Dass Sie fragen, welches Verhalten angemessen wäre, ist ein Vertrauensbeweis. Sie erheben den Gastgeber gewissermaßen zum „Mentor“, zum „Experten“ seiner Kultur, dem Sie sich anvertrauen, und zeigen gegenüber der anderen Kultur etwas Bescheidenheit. Gleichzeitig können diese Bescheidenheit und Ehrlichkeit als sehr sympathisch empfunden werden. Im übertragenen Sinne nimmt der „Experte“ oder „Mentor“ Sie an der Hand und beantwortet Ihnen Ihre Frage. Das wiederum bietet Gesprächsstoff und verbindet.
Da sind wir wieder beim Kern der interkulturellen Etikette und der Höflichkeit:
Wer höflich ist, möchte nicht etwas Besseres sein. Wer höflich ist, versucht auf taktvolle Art und Weise eine Verbindung herzustellen und ein angenehmes Miteinander zu ermöglichen.
Höflichkeit ist eine Art der Kommunikation, eine Art des Brückenbaus, die einer weiteren Kommunikation Bühne bietet.
Kleine Fehler sind kein Weltuntergang, solange unser Gegenüber merkt, dass unsere Haltung stimmt.
Wahre Gastfreundschaft
Was für Gäste gilt, gilt auch für Gastgeber.
Wesentlich ist die Haltung und das Bemühen um ein wertschätzendes Miteinander. Seien Sie als Gastgeber verständnisvoll und achtsam. Nutzen Sie die Gelegenheit, im interkulturellen Rahmen die Zuckerseite Ihrer Kultur zu präsentieren. Sie haben es in der Hand, den Rahmen für das Zusammentreffen zu gestalten. Gestalten Sie Raum und Atmosphäre zu einem Wohlfühlambiente, welches Ihren Gästen noch lange in positiver Erinnerung bleiben wird.
Da Sie wissen, dass Ihre Gäste einen anderen kulturellen Hintergrund haben als Sie, ist es die großzügigste Geste, Ihren Gästen gegenüber entgegenkommend aufzutreten. Ihr Gast wird sich bei Ihnen wohlfühlen, wenn Sie eine Orientierung in Sachen Etikette bieten, indem Sie ihm Angebote machen, die in den Rahmen des Anlasses passen. Wenn Sie wünschen, dass Straßenschuhe in Innenräumen ausgezogen werden, bieten Sie einen Ort an, an dem Schuhe ausgezogen und sortiert werden können, sowie Schuhe für die Innenräume, zum Beispiel Gästehausschuhe. Wenn Sie als Boutique-Besitzerin nicht wünschen, dass sich Ihr Gast auf die Ablage im Schaufenster setzt, bieten Sie zuvorkommend einen gemütlichen Sitzplatz innerhalb der Boutique an.
Höfliches Erscheinungsbild – Time Place Occasion (TPO)
Was zieht man als Gast oder Gastgeber an? Auf der Suche nach der Antwort auf diese Frage orientieren sich zum Beispiel Japaner gerne am sogenannten TPO, welches für Time Place Occasion steht. Das TPO ist im Zweifelsfalle weltweit anwendbar, da es stets sinnvoll ist, sich an Zeit, Ort und Anlass des Zusammentreffens zu orientieren.
Im Allgemeinen sollte es selbstverständlich sein, dass Sie auf Hygiene und ein gepflegtes Äußeres Wert legen.
Gibt der Gastgeber keinen Dresscode bekannt, bietet es sich an, sich vor dem Termin beim Gastgeber zu erkundigen. Falls Sie einen Dolmetscher des Vertrauens haben, kann der Dolmetscher beratend zur Seite stehen.
Dolmetscher sind nicht nur Sprachmittler, sondern auch Kulturmittler und sind mit den jeweiligen Kulturen und Gepflogenheiten vertraut. Meist arbeitet Ihr Dolmetscher bereits vor einem offiziellen Termin mit Ihnen zusammen. Die Dolmetscher können Ihre Gastgeber und den Anlass entsprechend einschätzen, sodass sie Sie auch in Sachen Bekleidung beraten können.
Sollte Ihnen kein Kulturmittler zur Verfügung stehen, kann der Zwiebellook Ihr Retter sein:
Für die Damen bietet es sich an, einen Cardigan oder Schal bei sich zu tragen, den man je nach Rahmen an- oder ablegen kann. Für die Herren empfiehlt es sich, zunächst eine Jacke für Innenräume wie zum Beispiel das Sakko anzubehalten, die Krawatte zu tragen und sie später je nach Rahmen entsprechend abzulegen.
Je nach Kultur und Anlass werden sich Gastgeber und Gast wohler fühlen, wenn nicht zu viel Haut an Armen, Beinen und Dekolleté gezeigt wird. Auch hier ist es ratsam, einen Cardigan oder Schal bei sich zu tragen, der im Falle des Falles Ihr Erscheinungsbild an den jeweiligen Rahmen anpasst.
Humor ist kein (!) Allheilmittel
Wenn es einen Fehler zu vermeiden gilt, dann diesen:
Ihre Haltung stimmt nicht, wenn Sie sich das eine oder andere Späßchen auf Kosten der anderen Kultur erlauben.
Wie wir wissen, ist Kultur mit Tradition, Religion und der Seele eines Landes verbunden. Auch wissen wir, dass der Sinn für Humor sehr unterschiedlich sein kann. Sich über die Etikette und somit über die Kultur zu amüsieren, ist kein kleiner Fehler, sondern plump und herabwürdigend.
Auf internationalen Staatsbesuchen werden solche Fehler nicht liebevoll als „Fettnäpfchen“ bezeichnet, sondern in den Ministerien und Medien als „Skandal“ thematisiert, sodass man sich im Ergebnis selbst herabwürdigt und Chancen für ein weiteres Miteinander verpasst.
Daher bleibt meine beste Empfehlung: Zeigen Sie wertschätzendes Interesse an Ihrem Gegenüber und nutzen Sie Ihre Schwäche zum Vorteil.
Viel Freude beim Entdecken und Brückenbauen.
Autorin: Monika Narita